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Wie will ein Mensch Würde wahrnehmen (bei sich und anderen), wenn das Wissen um die Gleichwertigkeit nicht vorhanden ist?

Deshalb dieser Text
(aus “Umgang. Einführung in eine psychologische Erkenntnistheorie” von W. A. Siebel)

Und dazu gibt es einen Text zum Thema “Schönheit”.


7. Kapitel: Mensch und Umwelt

Wenn behauptet wird, Menschen seien stets gemeinschaftsbezogen, sie seien als Individuen Wesen, die immer und überall in Bezug auf Gemeinschaft und in einem individuellen Verhältnis zu ihr sich verhalten, so sagt diese Hypothese jedoch über das Sein des Menschen nichts aus. Wir können zwar feststellen, daß alle Menschen dieser Erde in - wenn auch zum Teil recht kleinen - sozialen Bezügen leben, wissen aber nichts darüber, was ein Individuum sein könnte, das allein und isoliert für sich lebt. Die Hypothese vom Gemeinschaftswesen Mensch kann nur deshalb ihre Funktion als Arbeitshypothese erfüllen, weil der Mensch biologisch nie ohne andere Menschen in Erscheinung tritt: ohne Zeugung und Geburt gibt es einen Menschen nicht. Die Erfahrung zeigt uns, daß Menschen nur durch Gemeinschaft als Menschen in Erscheinung treten. Aber über das Sein des Menschen ist damit noch nichts ausgesagt; denn alles, was lebt, entsteht ja nicht aus sich selbst. Es gibt hier z.B. keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Wenn ich behaupte “Dies ist ein Mensch”, sage ich also mehrfaches:

  1. das, was ich da sehe, ist so oder so augenscheinlich geworden.
  2. das, was ich da sehe, hat gewisse Merkmale, die mich zu dieser Behauptung führen.

Die Behauptung ist aber immer auch zugleich ein Urteil, das ich fälle, sie klassifiziert das Gesehene. Das, was ich sehe, steht in irgendeiner Relation zu anderem, was ich bereits kenne oder zu kennen meine. So drückt der Satz “Dies ist ein Mensch” zweierlei aus:

- deskriptiv meine Klassifizierung

- präskriptiv meine (ethischen) Forderungen an das, was ein Mensch meiner Meinung nach zu sein hat.

Die Deskription schließt die Aussage über das Woher ein, mindestens also die biologische Geschichte des Menschen.

Die Präskription schließt eine Aussage über das Wie ein, also wie ein Mensch Mensch sein solle. Es handelt sich hierbei um eine “ethische” Forderung. Aber was kann denn gefordert werden? Wer legt das fest? Die einzig mögliche Antwort darauf: mein Lebensstil! Was könnte denn theoretisch gefordert werden?

a) daß der Mensch seine Aufgaben erfülle - darin liegt die Achtung und die Anerkennung der Verschiedenheit, da jeder Mensch seine Aufgaben, d.h. verschiedene, hat - und daß er dabei die Freiheit der anderen achte in dem Sinne, daß seine Freiheit dort endet, wo die der anderen beginnt. Hier öffnet sich der Bereich des Rechts.

b) daß er sei und denke wie ich - darin wird bereits eine aversive Verzerrung deutlich, denn diese Forderung ist eine Unmöglichkeitsforderung: kein Mensch kann wie ein anderer sein. Es handelt sich hier also nicht mehr um eine rechtmäßige Forderung, sondern um eine aversive Verzerrung, die wir Moralismus nennen. Der Moralismus vergleicht Menschen miteinander, indem er Augenscheinliches (z.B. Aussehen, Verhalten) miteinander vergleicht und dies mit der Person identifiziert. Aufgrund dieser Identifikation von z.B. Person und Verhalten gelangt der Moralismus zu Wertungen über Menschen, die sich in “ist Aussagen” niederschlagen (“dieser Mensch ist ...”). Diese Wertungen sind meist Abwertungen - und durch diese werte ich mich selbst auf! Das “Geheimnis” des Moralismus ist also die Verleugnung der Gleichwertigkeit der Menschen, die dazu führt, den eigenen Wert stets nachweisen zu müssen - und sei es durch Abwertung anderer.

Ich kann nur sagen “Dies ist ein Mensch”, wenn ich auch sagen kann “ich bin ein Mensch”. Es muß also die Möglichkeit geben, mich in Beziehung zu setzen zu dem, was ich sehe und beurteile. Beziehung ist grundsätzlich etwas anderes als Vergleich! Eine Beziehung zu anderen Menschen habe ich dann, wenn ich sie annehme und als andere wahrnehme d.h., wenn ich Selbstiges von Nichtselbstigem unterscheiden kann. Aber auch hier besteht wieder die Möglichkeit der aversiven Verzerrung, indem ich die Inhalte der Beziehung verleugne und so tue, als habe ich mit den anderen nichts zu tun. Doch schon allein dadurch, daß ich sie sehe, habe ich ja bereits eine Beziehung. Allerdings entscheide ich dann, ob und wie ich zu den anderen weiteren Kontakt aufnehmen will.

Spätestens, während ich das Urteil fälle “dies ist ein Mensch”, bekunde ich meine Annahme der Beziehung zu anderen und meine Gemeinschaft mit ihnen, erfahre eine Gruppe, in der ihre Mitglieder gemeinsame Merkmale haben.

Die Gemeinschaftsbezogenheit von Menschen drückt sich aber auch in allen anderen “dies ist ... -Sätzen” aus. Auch in dem Satz “dies ist ein Baum” drückt sich Beziehung und Gemeinschaft aus. Denn ich nenne das, was ich dort als Baum beurteile, deshalb Baum, weil es noch andere Bäume gibt, die ich in Beziehung zueinander und zu mir selbst gebracht habe. So hat auch der Baum unwiderruflich eine Beziehung zu mir, wie eben alles, was ich sehe oder überhaupt wahrnehme. Menschen sind die einzigen Lebewesen, die diese Gemeinschaftsbezogenheit aussagen können. Darin liegt die Verantwortung begründet, die Menschen für sich selbst und für ihre Umwelt haben.

Alle “dies ist ...-Sätze” klassifizieren. Was ich damit letztlich sage, ist: Der Baum ist eine Einheit; dieser Mensch ist eine Einheit; ich bin eine Einheit usw. Jede Einheit hat nun zu sich selbst einen Bezug und zu “Verwandten” und zu jeder anderen Einheit. Jede Einheit hat ein unverwechselbares Gepräge. Jede Einheit ist einzig und unverwechselbar, selbst bei gleicher Gruppenzugehörigkeit (Spezies). So ist jede Einheit nach innen geschlossen, nach außen jedoch offen, weil sie Teil einer Gruppe und damit einer neuen Einheit sein kann und auch ist. Die größte übergeordnete Einheit nennen wir die ökologisch-kosmische Einheit. Innerhalb dieser Einheit hat alles zu allem eine Beziehung. Hier liegt die Verantwortung der Menschen begründet, also ihre Antwort auf die Frage, wie sie in dieser Einheit ihr “leben” gestalten möchten. Die klassifizierenden “Dies ist ...-Sätze” weisen also stets auf Beziehungen hin.

Da wir nie in der Lage sein werden, alle Beziehungen wahrzunehmen oder kennenzulernen, sind alle wertend formulierten “Dies ist ...-Sätze” (z.B. “dies ist nichts als”, oder “dies ist nichts anderes als”, oder “dies ist nur” usw.) unzutreffend, wenn nicht gar unwahr. Auch hier offenbart sich in unseren Formulierungen unsere Einstellung und unsere Entscheidung, wie wir mit dem Beurteilten umgehen wollen. So ist es allemal unser Lebensstil, der alle Wahrnehmungen ordnet und den Umgang mit dem Wahrgenommenen regelt.

Hierfür hat Alfred Adler in seiner Individualpsychologie den Begriff der “tendenziösen Apperzeption” gewählt. Wir wollen diesen Begriff umfassend verwenden. Wir stellen damit klar, daß nicht der Vorgang der Wahrnehmung selbst vom Lebensstil abhängig ist, sondern die Verarbeitung aller Wahrnehmungen. In dieser Verarbeitung kommt unser Lebensstil zum Ausdruck. Das gilt natürlich auch für den Bereich von Wissenschaft und Forschung; schließlich haben auch die Wissenschaftler und Forscher einen Lebensstil.

Da wir nie in der Lage sein werden, alle Beziehungen wahrzunehmen oder kennenzulernen, müssen alle unsere Urteile zumindest unvollständig bleiben. Rechnen wir also “lieber” mit unserer Irrtumsfähigkeit im Sinne der Falsifikation. Nun ist diese Aufforderung natürlich nicht als Geschmacksfrage zu behandeln. Sie ist jedoch in der Lage, die menschlichen Errungenschaften im rechten Licht anzuschauen; ist doch die Fortschrittsgläubigkeit bereits eine aversive Überschätzung menschlichen Könnens. Sie überprüft den Sinn von Entdeckungen nicht mehr.

Mit dem Satz “Dies ist ein Mensch” grenze ich nun nicht nur den anderen von mir ab (als eben ein Anderer), sondern sage auch unsere gemeinsame Zugehörigkeit zur Gattung Mensch aus. Um diesen Satz sagen zu können, muß ich nicht nur wissen, daß ich selbst ein Mensch bin, sondern muß auch die Erfahrung der Zugehörigkeit gemacht haben - ich muß sogar die Erfahrung mit dieser Zugehörigkeitserfahrung immer wieder neu machen. Dies geschieht bewußt und auch unbewußt. Diese Erfahrung mit der Zugehörigkeitserfahrung wollen wir das Zugehörigkeitsempfinden nennen, das wir immer wieder neu entwickeln müssen/können/ sollen/dürfen/wollen.

Die Entwicklung des Zugehörigkeitsempfindens ist lebensnotwendig; jedoch sind Maß und Tempo durch uns steuerbar, also wieder: abhängig von unserem Lebensstil.

Das Zugehörigkeitsempfinden ist per definitionem auf Erfahrung bezogen, gleichzeitig immer wieder neu zeitlich begrenzt im Horizont des Erlebens; denn die Erinnerung einer Erfahrung ist ja nicht die Erfahrung selbst. Deshalb können Menschen das Zugehörigkeitsempfinden nicht ein für allemal “haben”. Sie müssen es deshalb immer wieder neu entwickeln - sich erarbeiten durch ihre in die Tat umgesetzten Entscheidungen - ; denn sonst wird aus der Einsamkeit des Menschen das Empfinden des Alleinseins oder gar die Idee des Alleingelassenseins. Im Zugehörigkeitsempfinden weiß ich, daß ich ein Mensch bin und als solch Seiender in eine Gruppe von solch Seienden gehöre. Ich sehe dann in eine Gruppe von Einheiten (Einsicht) - jeder Mensch ist ja eine Einheit für sich - und erkenne deren Struktur(en) in der Begegnung mit den Einheiten dieser Gruppe, da die einseitige Erkenntnis mich geradewegs in den Prozeß der Begegnung drängt und damit Erfahrung mit und in dieser Gruppe ermöglicht.

Die Einsicht bewirkt auch die Erkenntnis, daß wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Den Umgang mit dieser Tatsache und auch das, was wir als Erfahrung “machen”(!), wird wiederum vom Lebensstil bestimmt. Indem ich Zugehörigkeit nicht nur denke, sondern auch fühle, antizipiere ich die Zugehörigkeit selbst und bin dann in der Lage, sie auch zu erleben. Das Erlebnis der Zugehörigkeit ist auch ein Erlebnis von Gemeinschaft. Das Gegenteil hiervon ist dann das Erlebnis der Fremdheit.

Da ich die anderen als andere erlebe, erlebe ich mich auch in der Andersartigkeit zu den anderen. Verbinde ich die Erfahrung der Andersartigkeit nicht mit Wissen um meine Einzigartigkeit, verweile ich bei der Andersartigkeit; die anderen erscheinen mir fremd. Die Überwindung der Fremdheit geschieht in der Annahme, in der die Selbstannahme meiner Einzigartigkeit auch die Anerkennung der Einzigartigkeit der anderen geschehen läßt. Annahme, eine Seite dessen, was “lieben” genannt wird, ist darin auch das Verlangen nach Erleben der Teileinheiten. “lieben” bringt mich den anderen wieder nahe auch durch die andere Seite, die Hingabe. Den anderen dann auch immer wieder nahe sein zu wollen, nennen wir “Mut”, entmutigt nennen wir dann den Menschen, der diese Nähe nicht oder nicht mehr will. Mut schließt also das Wissen um den eigenen Wert und um die Einzigartigkeit und Einsamkeit und Würde ein; und damit das Jasagen zur Menschlichkeit des Menschen, was wir Treue nennen! Oder anders ausgedrückt: mutig kann sich nur verhalten, wer dieses Wissen hat und damit umgehen kann. Mangelnder Mut versucht, den Wert des Menschen erst noch nachzuweisen (z.B. durch Prestige, Gewalt o.a.).

lieben” bedarf der aktiven Teilnahme an den Widerfahrnissen von “leben”, sonst wirkt die in ihr vorhandene Dynamik aversiv, also gegen mich selbst und damit selbstzerstörerisch. Es ist nicht notwendig, daß - bei einem individuellen Gegenüber - das Gegenüber mich ebenfalls erfühlt; zeigt mir doch mein Fühlen, daß ich fühlen kann. Die Form der Teilgabe wird geistig entschieden im Zusammenhang mit der Sensualität, die Sinn und sinnlich verbindet, so daß sehr wohl die Weise unterschieden werden kann, mit der ich meine Gefühle äußere. Gefühle annehmen zu wollen, empfangen zu können - dazu gehört Mut! Wer die Nähe zum anderen immer wieder neu will, ist auch bereit und willens, das Jasagen zur Menschlichkeit des Menschen anzunehmen. Wenn also der Gedanke da ist, der/die andere gebe mir “zu wenig Liebe”, ist zuerst immer danach zu fragen, ob ich überhaupt annehmen kann oder ob ich dem/der anderen vorschreiben möchte, wie er/sie mich zu erleben habe! Die Fähigkeit, sich überhaupt in Beziehung zu anderem setzen zu können, also Zugehörigkeitsgefühl oder Fremdheitsgedanken entwickeln zu können, nennen wir die Relationspotenz. Sie ist jedem Menschen eigen.

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